SOPHOKLES TRILOGIE
I.: DIE KINDER DES ÖDIPUS
(Neufassung von Jürgen Kaizik nach Motiven aus ÖDIPUS TYRANN und ÖDIPUS AUF KOLOLONOSvon SOPHOKLES)
Als wir uns im Herbst 2019 daran machten, eine heutige Fassung für den ersten Teil unserer geplanten SOPHOKLES – TRILOGIE zu entwerfen war von eine Corona – Pandemie noch keine Spur. Die zwei alten Stücke des Sophokles lagen vor uns – und faszinierten wie eh und je. Alles was dort steht, ist wie für uns geschrieben. Man braucht nur das Kostüm wechseln, Als ich dann mit meiner Neu- fassung fertig war, ging gerade der Herbst 2019 in den Winter 2020 über. Und dann kam das Virus.
Kein Mensch wird uns diese Reihenfolge glauben, und doch war es genau so! Wir alle können es beschwören. Sogar die Masken, die wir nun alle tragen, waren schon beschrieben. Und dann kamen die Erlässe, die Vorschriften und die Einsicht, dass wir die gesamte Trilogie in diesem Jahr nicht auf die Beine würden stellen können. Aber wir waren fest entschlossen, von Stand der Dinge Zeugnis abzu- geben. Es geht um das Verhalten der Menschen angesichts einer scheinbar unabwendbaren Plage. Was tun?
In diesem besonderen Fall haben wir uns für ein besonderes Vorgehen entschieden. Weil wir mit dem Thema von Anfang an am Puls der Zeit sind, wollen wir unser Publikum diesmal daran teilhaben lassen, wie eine Aufführung entsteht, deren Ausgang noch nicht feststeht. Das Theater machts möglich!
TEXT UND REGIE:
JÜRGEN KAIZIK
mit:
ALINE DREYER,
STEFANIE ELIAS,
MAX GLATZ,
JÜRGEN KAIZIK,
INES KRATZMÜLLER,
PAUL WIBORNY
Die Griechen und wir –
So lautete das Generalthema des vorigen Jahres. Für dieses Jahr müssen wir das Thema erweitern. Diesmal lautet es zusätzlich (und das ist nicht allein dem Herkunftsland des Virus geschuldet.
– und die Chinesen
Auch das Chinesische Reich hat zu jener Zeit, als die Griechen ihre Neu – Geburt erlebten einen neuen Anfang gesetzt. Einer, der nicht nur auf den ersten Blick als ein sehr gegensätzlicher erscheint.
Und dann haben wir da noch:
Beethoven 250. Geburtstag
seinen Geburtstag wollen wir zumindest nicht ganz übergehen. Immerhin ist er ein Jahrgangskollege von Hölderlin, also wird er zusammen mit ihm einen Auftritt haben. Der Spätstil der beiden großen Künstler hat in gewisser Weise eine verblüffende Ähnlichkeit. Die späten Werke der beiden verbindet mehr als man glaubt. Davon können wir uns bei „Hölderlin im Shut Down überzeugen)
Premiere am 1. August bis 29. August ab 18 Uhr in der OASE BERTA.
Die Vorstellungen finden nur bei schönem Wetter statt.
UND DIES KOMMT 2021 AUF UNS ZU:
Vom ANTIKENPROJEKT I (2019)
zum ANTIKENPROJEKT II (2021)
oder:
von AISCHYLOS (*525 vor. Chr.) zu SOPHOKLES (geb. 497 v. Chr.)
SOPHOKLES ist nur knapp 30 Jahre nach AISCHYLOS geboren. Und doch liegen Welten zwischen den beiden ersten großen Dichtern der Tragödie.
Einfach gesagt: In ihren Werken zeigt sich, wie der Mensch der griechischen Kultur begann, sich selbst zu erkennen – und wie er drohte, an dieser Erkenntnis zu krepieren. Das lag vor allem an zwei Erfahrungen: Erstens, die Schuld an allem Unheil ließ sich nicht mehr so leicht den Göttern zuschieben – und zweitens die Einsicht, dass die wichtigste Waffe des Menschen, seine Fähigkeit zu denken, sich gegen ihn selbst kehren ließ.
Die Frage WAS IST DER MENSCH? war, kaum gestellt, zum Boomerang geworden.
ÖDIPUS und ANTIGONE, aus den Tiefen der Vorzeit stammend, wurden zu den eigentlichen Helden oder, wenn man so will, Antihelden dieser ersten „Modernisierung“. Ödipus, als der erste Aufklärer, der an der Aufklärung zugrunde geht. Antigone, die nach eigenem Gesetz leben wollte und als Märtyrerin ihrer selbstgewählten Autonomie stirbt. (Auffällig – und keineswegs zufällig, dass Sophokles sein Thema auf die beiden Geschlechter aufteilte!) Beide zusammen verkörpern die höchst zwiespältige Situation menschlichen Daseins, die damals erstmals so eindringlich erlebt wurde. Aus ihrem langen mythischen Traum erwacht, mussten die Menschen erkennen, dass ein tiefer Graben zwischen ihnen und der übrigen Natur lag. Die SPHINX als Hybridwesen zwischen Mensch und Tier, sowie zwischen Mann und Frau, ist die Verkörperung dieser diffusen Angst. Bis heute ist es unser größter Irrtum geblieben, dass wir bereits eine Antwort auf ihre Rätsel gefunden hätten. Die SPINX selbst stellt ja dieses Rätsel nicht nur dar, sie ist es. Wieder – wenn auch anders als schon bei Aischylos – zeigt sich hier die wachsende Aktualität der Antike. Die Herausforderungen, in die uns Sophokles mit seinen Dramen gestellt hat, zeigen sich heute in noch bedrohlicherer Form, weil sie nicht mehr hinter Religionen oder Ideologien verborgen sind. Wir erleben sie hautnah in den großen Problemen, die unübersehbar auf uns zukommen.
Im Antikenprojekt von BLUASCHWITZBLACKBOX geht es nicht (nur) um die Aufführung einzelner antiker Stücke. Gemeinsam mit unserem Publikum wollen wir die Zusammenhänge mit unseren aktuellen Turbulenzen erleben und verarbeiten. Im Sinne dieses Ziels gedenken wir 2020 auch des
250. Geburtstags von Friederich HÖLDERLIN, dem griechischsten aller deutschen Dichter. Wir besuchen ihn in jenem Turm, in dem er, von aller Welt für verrückt gehalten, die 2. Hälfte seines Lebens verbracht hat. Seine letzten, noch von ihm selbst veröffentlichten Werke waren Übersetzungen der ANTIGONE und des ÖDIPUS, sowie Anmerkungen zu diesen beiden Werken des Sophokles. Mit zunehmendem Alter hatte HÖLDERLIN sich immer mehr mit ÖDIPUS identifiziert, von dem er meinte, er habe „vielleicht ein Auge zu viel“ gehabt.